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Kritik an der Psychoanalyse

16-Feb-10

Psychoanalyse und Kritik

Wie ein Eisbär schüttelt die Psychoanalyse, ein Phänomen, seit Jahrzehnten jedwede Kritik — von Konservativen wie von aufgeklärten Liberalen — regelmäßig ungerührt aus dem Pelz. Interne Kritik wird gelegentlich erwogen, gelegentlich zur Grundlage für den Ausschluss von Dissidenten und Unbotmäßigen genutzt, meist überhört und fast immer mit den immer selben, topologisch klischierten Gegenargumenten stillgestellt. Persistenz durch ein dickes Fell — das gegen jeden Anwurf, und sei er noch so berechtigt, schlicht imprägniert zu sein scheint. Welchen Preis zahlt die Psychoanalyse selbst dafür?

Welchen Preis zahlen wir für eine solcherart geschlossene (in — um es vorsichtig zu sagen — nur teilweise kritikfähige Strukturen abgeschlossene) Leit—Therapieform?

Jede Gesellschaft hat die Spielart der Psychoanalyse, die sie verdient, heißt es. Aber diese Psychoanalyse, wenn man nur hinsieht, haben wir nicht verdient: Die Gesellschaft, Patienten, Intellektuelle, Opfer der Therapie, in den Therapien Missbrauchte (einige wenige spektakulär körperlich; andere, und das ist die schlechte Regel, emotional und intellektuell, für den Glanz der Suprematie des Therapeuten), Therapieabbrecher, die Kassen, die öffentliche Meinung, die Politik — wir alle sind betroffen von einer sich selbst gegenüber geblendeten Psychoanalyse, und von dem Klima, das sie um sich herum erzeugt.

Welchen Preis zahlt die Psychoanalyse? Einen hohen! Es gibt Hinweise darauf — hierzu später. Welchen zahlen wir? Er ist inkommensurabel.

“Psychoanalyse—Kritik” im Wikipedia—Artikel: “Psychoanalyse”

Ein Beispiel — an dem ich selbst beteiligt war, und das für mich der Anlass (nicht der Grund: Gründe gibt es viele!, aber der Anlass) war, diesen Blog und das zugehörige Forum zu begründen (siehe Links links) —, ein Beispiel also für den Umgang aus Reihen der Psychoanalyse mit — auch wohlbegründeter — Kritik ist seit Jahren der Artikel Psychoanalyse in der Wikipedia. Eifersüchtig, ja bissig bewacht von Verfassern und selbsternannten Hütern, widerspricht der Umgang mit diesem Artikel allen offiziell selbstgegebenen Regeln einer offenen Internet—Enzyklopädie. — Bewundernd wird die Psychoanalyse bis in ihre fernsten geschichtlichen Verästelungen dargestellt — dementsprechend lang ist der Artikel —, und die Kritik (die ja selbst einen jahrzehntealten Strang öffentlichen Diskutierens und Argumentierens aufweist) wird beschränkt auf Kirchenleute diesseits von Drewermann, der die Bibel — zugestanden! — mit Freud besser versteht, konservative Wissenschaftstheoretiker, denen die Methode der — zugestanden! — verstehenden Hermeneutik ein Gräuel ist (denen sich damit aber die bahnbrechenden Kenntnisse aus Sozial—, Kultur— und Geisteswissenschaften im Kern nicht erschließen), und positivistisch arbeitende Psychologen, welche die — zugestanden, ja!, alles zugestanden — auch von der Psychoanalyse angetriebende Moderne bis heute nicht erreicht hat: Stelle deine Gegner blässlich dar — und dann besiege sie! ist das Motto dieser Argumentation. Dass es allerdings auch eine — und auch das, liebe Psychoanalytiker: zuzugestehendermaßen!! — ernsthafte, ernstzunehmende intellektuell—intelligente, eine weiterführende, seriöse Kritik an der Psychoanalyse aus aufgeklärter Perspektive gibt?, — in der Wikipedia: Fehlanzeige.

Kürzlich habe ich daher versucht, einen Literaturhinweis auf die Psychoanalytiker und Psychoanalysekritiker Manfred Pohlen und Margarethe Bautz—Holzherr (lesenswert: Psychoanalyse — das Ende einer Deutungsmacht Kritik an der Psychoanalyse) auch nur im Fußnotenapparat unterzubringen — mitsamt einem erläuternden Satz im Abschnitt “Kritik“. Das wird in einem Wikipedia—Artikel doch erlaubt sein? Ist es nicht.

Unterstützt von einer psychoanalysetreuen Administration, macht einer der Hauptautoren des Artikels, der, man darf den öffentlichen Namen öffentlich nennen, als Widescreen firmiert, die prominente Erklärseite seit Jahr und Tag zu einer, zu seiner (und der Psychoanalyse) persönlichen Pfründe; stellt schlicht gegen alle selbstgegebenen Regeln des engagierten Wikipedia—Projekts jede Änderung, jede Verbesserung des Artikels sozusagen über Nacht und Nebel kommentarlos zurück; entfesselt so einen, seinen Edit—War (Edit—War: ein Krieg im Wasserglas um die Frage: Wer hat die Macht der letzten Edition), und übt Zensur, wie sie im Buche steht. Das, liest man die Diskussionsseiten zum Artikel nach, bei Weitem nicht zum erstenmal — und eben dies macht den aktuelleren Fall, von dem eher zufällig meine kleinere Änderung betroffen war, überhaupt erst interessant für weitere Erwägungen.

Die Frage ist: Wie geht die Psychoanalyse um mit Kritik?

Zeit für ein Heine—Zitat.

Die deutschen Zensoren — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — Dummköpfe — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —

(Aus Das Buch LeGrand (in Reisebilder — Zweiter Teil“), Kapitel XII)

Natürlich meint das Heine—Zitat niemanden persönlich (das wäre uninteressant); es meint die Zensur als solche.

Das Ergebnis in der Wikipedia jedenfalls ist klar: Ein, zwei gläubige Hagiographen der Psychoanalyse verteidigen ihre adorativen persönlichen Meinungen zum Thema mit allen Mitteln gegen alles Zubedenkengeben substanzieller, kritischer Einsicht — dabei ist diese Kritik ja nicht irrelevant! Nicht nur kann sie, wie erwähnt, auch ihrerseits auf einen immerhin schon jahrzehntealten Traditionsstrang zurückblicken; sondern vor allem werden auch heute noch die Diskussionen in der Schule, an der Universität, im Privaten, auf dem Buchmarkt, in der Presse geführt — die Debatte um die Frage nach der Therapieform, die unsere Gesellschaft verdient, findet zwar nicht gerade mehr auf den ersten Seiten der Feuilletons statt (wenn nicht eben Dieter Zimmer ein spektakuläres Buch zum Thema in die Menge wirft), dafür umso anhaltender und heftiger — und sie ist noch lange nicht abgeschlossen. Grund genug, die Darstellung der Auseinandersetzung nicht auf eine kulturkonservative Kritik zu beschränken!

Aber, die Diskussionsseiten zeigen das, da wird zu Beleidigungen, Aggression, zu Hohn und Spott und, wenn denn das alles nichts hilft, auch zu Gemeinheiten und blanker Diffamierung gegriffen — anstatt dass, wie es seriösen Wissenschaftlern wohl anstünde, akribische Argumentation und differenzierte Diskussion an deren Stelle gesetzt würde. Zur Erinnerung: Es geht immerhin um die Wikipedia!

Die Wikipedia also, — das ist kein Nebenschauplatz (oder umgekehrt — wenn die Wikipedia Nebenschauplatz ist, dann ist alles Nebenschauplatz). Google zählt zu den Suchworten “Psychotherapie”, “Psychoanalyse”, “(Sigmund) Freud” rund 3 Millionen Anfragen im Monat — und wer sich im Internet informiert (wer tut das nicht?), der landet früher oder später auch bei der besten Enzyklopädie (nach einer Untersuchung von — immerhin! — Nature), die zudem noch kostenlos zu haben ist, vertrauenswürdiger als die Encyclopedia Britannica, viel gelesen, wirkungsmächtig. Auf dieser Seite also, ausgerechnet bei dem Artikel zur Psychoanalyse (die doch die Wissenschaftlichkeit so begeistert in ihren Fähnchen schwenkt!) Polemik statt Argumentation, Manipulation statt differenziert im Gespräch herausgearbeiteter Erkenntnis, unseriöses Gebahren anstelle einer ergebnisoffenen, subtilen Diskussion — gerade die Psychoanalytiker kennen, so scheint es, wenn es um die Verbreitung ihrer Ansicht der Dinge (und der Verleugnung und Verdrängung gegensätzlicher Meinungen!) geht, keinerlei Scheu. Der Eisbär schlägt seine dicke Tatze aufs Eis; eingehüllt in ein dickes Fell, trollt er sich übers Schelf. Vielleicht nicht die Psychoanalyse selbst, aber die Psychoanalytiker sind, so scheint es, wenn es um die Psychoanalyse geht, gegen jede Kritik imprägniert: Gegen die konservative ihrer Anfänge, gegen die esoterischen Aberrationen C.G. Jungs, gegen die allzu systematische Alfred Adlers, gegen die wissenschaftliche Kritik aus therapeutischen Reihen seit den 50er Jahren, gegen die Kritik aus Reihen der Psychoanalyse, die seit den 70er Jahren immer lauter wird — und seit den 90ern nicht mehr zu überhören ist —, und, in ihrem Gefolge, gegen die aufgeklärt—liberale der Gegenwart. (Literaturhinweise links unter “Psychoanalyse: Literatur—Empfehlungen” — weitere finden sich, so hoffe ich, im Lauf der Zeit, im Forum. Schreiben Sie mit!)

Nicht die Psychoanalyse, so scheint es, sondern die Psychoanalytiker — genau das ist das Problem. So wird jeder berechtigten Kritik entgegengehalten: Erfolge — das war natürlich die Psychoanalyse. Misserfolge — dann sind es “Einzelfälle“. Und “Einzelfälle” — dass sind natürlich immer die anderen. Je nach Bedarf verweisen die Liberaleren unter den Psychoanalytikern auf die Konservativen (“das sind die Autoritären”) oder die Konservativen auf die Liberalen (“das sind die Unwissenschaftlichen”). Eine saubere Arbeitsteilung — die das Problem der Psychoanalyse zu einem interner Differenzierungen zu machen scheint. (Ähnlich geht es übrigens in der katholischen Kirche zu, wenn — immer wieder!, in regelmäßigen Abständen! — Missbrauchsfälle öffentlich werden: Als wäre auch das ein Problem von Einzelfällen — und nicht — seit Jahrhunderten! — ein tiefer liegendes, längst strukturelles Problem! Bei denen ist es das Zölibat, bei diesen das psychoanalytische Setting, und bei beiden die Macht.)

Einzelfälle“!? — so kann sich die Psychoanalyse ihre selektive Taubheit bewahren.

Psychoanalyse: Beschädigte Sinne

Eine selektiv ertaubte Psychoanalyse — das, bei der Leit—Therapieform unserer westlichen Gesellschaften, ist keine Kleinigkeit. Früher oder später wird ihre Blindheit gegenüber sich selbst (die Psychoanalyse, so Pohlen und Bautz—Holzherr — noch einmal: “Psychoanalyse, das Ende einer Deutungsmacht” —, erzeuge “Unwissen gegenüber ihren eigenen Konstituenzien“! Man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen: Die Psychoanalyse erzeugt Unwissen!) in eine Blindheit gegenüber ihren Patienten umschlagen. Das Trauma des Nichtwissens wird weitergegeben.

Blind und taub: Die Psychoanalyse ist — wie jedes geschlossene Denksystem — eine Beschädigung der Sinne. Und des sinnlichen Zugangs zur Welt.

Der Missbrauch, der gerade in psychotherapeutischen Praxen genauso so häufig vorkommt wie in den Institutionen der katholischen Kirche (zwar nicht unbedingt — aber auch! — der eklatant körperliche; dafür aber umso regelmäßiger, fast schon habituell der über die als legitimes, vermeintlich therapeutisches Mittel eingesetzte, ja, als Standardmethode der Psychoanalyse geforderte Paternalisierung der Patienten, das heißt: über die seelische Schändung, die emotionale Vergewaltigung, die intellektuelle Notzucht der Therapeuten an ihren Patienten verübte Missbrauch der Macht!), wird durch diese Blindheit erst möglich — und das Erschrecken darüber, die Verletztheit dadurch, die Kränkungen durch solche Entgrenztheiten und Zerstörungen, kurz, die traumatisierende Qualität der psychoanalytischen “Therapie” werden in der Therapie selbst, mithilfe “therapeutischer” manipulativer Techniken, schlicht nicht ans Tageslicht gelassen — sie werden unterdrückt. Eine sich selbst gegenüber blinde Psychoanalyse wendet ihre Blindheit gegen den Patienten, der seiner eigenen Traumatisiertheit gegenüber erneut — geblendet wird. So bricht die Psychoanalyse ihr Versprechen der Aufarbeitung des Traumas: Alte Traumata werden vielleicht durchgearbeitet — und durch neue Traumata ersetzt.

All das, wie gesagt, wird mit der Unterdrückung der Kritik an der Psychoanalyse unterdrückt — mit dem Ergebnis, dass wir, die aufgeklärte Öffentlichkeit, ja, sogar die Psychoanalyse selbst, viel zu wenig wissen darüber, was kritikresistenz entgrenzte Psychoanalytiker in entgleisten Psychotherapien ihren wehrlos ihnen ausgelieferten Patienten regelmäßig antun — Patienten, die (um es mit dem wunderbar sprechenden alten Ausdruck präzise zu beschreiben) sich ihnen anvertraut haben.

Psychoanalyse: Harthörigkeit

Selektive Taubheit heißt auch — die Harthörigkeit der ihr Hörigen. Das eine wird gesagt; die Psychoanalyse hört das andere. Was die Psychoanalyse hört, was sie beantwortet, und wenn sie noch so intelligent kritisiert wird — das Beispiel der Wikipedia zeigt es —, das sind immer noch die Argumente der ersten psychoanalytischen Jahrzehnte: Die offene Rede, die Rolle der Sexualität, die antiklerikale Haltung der aufgeklärten Wissenschaftler — all dies war den Zeitgenossen Dorn im Auge, gegen all dies hat die Psychoanalyse ein Arsenal von rhetorischen Figuren, teilweise Winkelzügen, teilweise guten, schlagenden rhetorischen Patterns — eben eine eigene Topologie der Psychoanalyse—Verteidigung (vulgo: Klischees) — entwickelt, mit der sie die blenden wollende Diskussion der damals Blinden überstand. Gut so! Wir alle können — wenn es um die Reaktion auf allfällige autoritäre “Selbstverständlichkeiten” geht, mit denen manche Zeitgenossen uns tagtäglich traktieren — gar nicht genug daraus lernen. Nur ist eben die Psychoanalyse heute selber auf Seite der Geblendeten — ist denen zu ähnlich geworden, die sie bekämpfte, und dass die heutige Kritik eine völlig andere inhaltliche Stoßrichtung hat, dass die Psychoanalyse selbst ein Hort autoritärer Strukturen geworden ist, der aus aufgeklärter Perspektive belüftet und beleuchtet werden muss, — davon will sie (begreiflicherweise) nichts wissen. Der Profiteur von Machtverhältnissen — und seien es auch nur die klein scheinende Verhältnisse grenzenloser intimster Macht in der “psychoanalytischen Therapie” — hat nie ein Interesse daran, diese Macht aufzuklären. Nie.

So reagiert die Psychoanalyse auch heute noch auf Kritik im Namen der Gesundheit der Patienten, auf Kritik am Machtmissbrauch durch selbstherrliche Psychoanalytiker, auf Kritik an den Residuen der antidemokratischen Entstehungszeit der Psychoanalyse — die nach wie vor im Analytiker—Analysandenverhältnis transportiert werden mit den selben alten Antworten, als wären dies dieselben alten unterdrückt—verdrucksten, anti—intellektuellen Anwürfe der ersten Jahre.

Dass es da Unterschiede gibt, dass die heutige Kritik mit den Errungenschaften der Psychoanalyse gegen die destruktive Praxis der Psychoanalyse selbst gerichtet ist — auf dem Ohr sind sie, wie gesagt, taub.

Die beschädigte Psychoanalyse

Eine blind und taub gewordene Psychoanalyse aber steht dem psychoanalytischen Prozess selbst an erster Stelle im Weg. Seit hundert Jahren hämmert sie uns die immer gleichen Argumente in die Ohren: Wer ihr nicht rechtgibt, verdränge seine frühkindliche Problematik, wer sie nicht hören will, sei selber taub, wer ihr nicht glaubt, sei blind. Und gerade die Psychoanalyse, die sich immer wieder wissenschaftlich nennt (und das in weiten Strecken auch ist — inzwischen sollte auch im entlegensten psychologischen Institut der Gedanke der wissenschaftlichen Hermeneutik eingetroffen sein), begibt sich immer wieder auf den wildesten Emotionstrip zu ihrer Beglaubigung — mit der, das Beispiel der Wikipedia zeigt es, Aggressivität von geprügelten Wachhunden und sadistisch—bitterem Witz, der Arroganz abgespaltener Gefühle und dem Versuch der Entzündung hysterischster Begeisterung. Man kann es auch anders sagen: Mit tiefster Gläubigkeit.

Wir alle hörten es von Schulbeinen an, bei jeder einzelnen Argumentation über die Psychoanalyse: Das immer gleiche Unterstellungsvokabular (“wenn du mich kritisierst, bist du krank“), das auf Anhieb so intelligent intellektuell klingt, — und das doch nur aus den üblichen immer gleichen Mustern besteht. Wir haben es aus so vielen Mündern, so eindringlich, so häufig wiederholt gehört, dass wir es schon fast glauben.

Und das schadet der Psychoanalyse selbst — die damit eine Psychoanalyse geworden ist, die schadet. Wie ein giftiger Schimmelpilz legt sich diese Arroganz der Kritikresistenz auf die Brillanz ihrer eigenen Erkenntnisse. Ihre partielle Erblindung, welche bei eigener Unkritisierbarkeit gegenüber ihren Adepten und Patienten zur Forderung der Selbstkritik führt, genannt Einsicht (typisch für ein geschlossen—ideologisches System, das gerade in dieser kognitiv—emotionalen Dissonanz zwischen Verbalität und schlechtem Beispiel die Blindheit generativ weitergibt), schadet ihrem Nachwuchs und — vermittelt über diesen — ihren Patienten mehr als sie glaubt.

Kritik an der Psychoanalyse?

Wenn der wohlmeinendste Kritiker einem solchen Sperrfeuer von entgrenzten, persönlichen Angriffen, ja, auch gezielten Verletzungen und Gemeinheiten in der Öffentlichkeit ausgesetzt wird (manche Reaktionen der Verteidiger der Psychoanalyse hier im Blog zeigen das — verschoben: Ins Forum), — wo will man sich mit denen noch anlegen!? Kritik an der Psychoanalyse? Wo hat eine differenzierte, langsame, akribische, intellektuell—intelligente, interessierte, aber fundamentale Psychoanalyse—Kritik dann noch Platz?

Und wo können sich die Opfer der Psychoanalyse, die Therapie—Abbrecher, die durch Psychoanalyse Geschädigten ihre Kritik, ihre Verunsicherung, ihre Verzweiflung über die Verletzungen, die eine verrohte Form der Psychoanalyse ihnen zugefügt hat, aussprechen — ohne dass man ihnen gleich den Widerstand, die Unbelehrbarkeit des Neurotikers, das Du—willst—es—nicht—wissen des Anti—Intellektuellen unterstellt?

Die Antwort ist kurz: Hier.

Dies nicht allein, um denen eine — ihre — Stimme (wieder) zu geben, welche eine paternalisierende Psychoanalyse ihnen, um ihnen ihre eigenen Sätze aufzustempeln, immer wieder zu nehmen versucht. Sondern auch, um einen Diskussionsort zu begründen (das Forum steht: Schreiben Sie mit!), in dem eine fundamentale, aufgeklärte Kritik an der Psychoanalyse aus der — leider — erfolgsgekrönten Schmuddelecke eingeschränkten Argumentierens herausfindet. Der vom ausgezeichneten Ruf der “Zeit” profitierende Wissenschaftspopulist Zimmer, Autor des erwähnten aus der falschen Ecke heraus das Richtige versuchenden Buches über den “Tiefenschwindel. Die endlose und die beendbare Psychoanalyse. Kritik an der Psychoanalyse” (aber auch in diesem — streckenweise schwer lesbaren — Buch: Man muss sich einmal die bei ihm zitierten Antikritik—Briefe aus den professoralen Reihen der Psychoanalyse auf der Zunge zergehen lassen, um zu sehen, welchen Geistes Kind diese Gläubigen sind!) ist eben nicht das alleinige Maß der Kritik — wenn der Erfolg seines Buches auch zeigt, auf welches ungeheure Interesse “die Psychoanalyse” in der Öffentlichkeit nach wie vor stößt.

Gerade deshalb — es wird Zeit, unser Bild von der Psychoanalyse zu korrigieren.

Denn über diese komplexe, verflochtene Institution sind wir alle falsch informiert. Was in den Praxen wirklich vor sich geht, entzieht sich unserer, der Außenstehenden, Kenntnis.

Das ist Witz!

Das ist etwas anderes …

Unser falsches Bild von der Psychoanalyse

Bilder von Woody Allen und Beschreibungen von Philip Roth vor Augen (die Beispiele auf dieser Seite zeigen es: es ist Woody Allen, der voller Witz ist — nicht der Therapeut!), die Ethnopsychoanalyse von Mario Erdheim oder Paul Parin im Gepäck, die Frankfurter Schule, seit fünf Jahrzehnten unverzichtbar in Kultur— und Geisteswissenschaften, Sartre, Lacan, Oliver Sacks im Regal und möglicherweise, seit einer knappen Dekade, auch die Romane von Irvin Yalom, dazu, ganz frisch, die Serie “In Treatment” im TV (mit einem wunderbar klugen, sensiblen Gabriel Byrne als Therapeut, der die sanfte Erotik der Erkenntnis sanft und unerbittlich, sensibel und geduldig personifiziert — und, ha!, was für ein Denkfehler: Wir glauben, Therapie zu sehen: So prägen uns die Bilder; aber was wir sehen, ist nicht ein sensibel—kluger, unerbittlich—sanfter Therapeut, was wir sehen, das ist ein sensibel—kluger, unerbittlich—sanfter, großer Schauspieler: Das positive Bild der Psychoanalyse profitiert ausgerechnet von den Künsten, welche sie in großen Teilen ihrer Profession so verständnislos bekämpft), — dazu, als allzu leichte Gegner ein Haufen vorgestrig—läppischer Kritiker aus wissenschaftstheoretisch konservativst gähnender Ecke, die sich — qua eigener Eingeschränktheit über ihre erkältete Sprache stolpernd — unter Intellektuellen längst selbst erledigt haben; all dies im Hinterkopf, — so glauben wir, die aufgeklärte Öffentlichkeit, wir Leser, Mitdenkende, wir Zuschauer, Schüler, Lehrer, wir Akademiker, Gebildete, wir Zuhörer, Internetsurfer und Cineasten (gerade das: wir Cineasten!!, wo wäre der Film, das Kino, wo wäre das filmisch—bildsymbolische Erzählen — zugestanden! — ohne die Anstöße der Psychoanalyse!?), so glauben wir zu wissen, um was es sich bei “die Psychoanalyse” handelt.

Hat sie uns nicht seit über hundert Jahren begleitet? Wissen wir nicht längst bescheid?

Nichts könnte falscher sein. Wir wissen es nicht.

Die Psychoanalyse ist ein Hort autoritärer Strukturen geworden. Verroht. Eine Schande.

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